–  Feld-Haus – Museum für Populäre Druckgrafik

Bunte Bilder für Europa

Bilderbogen-Produktion und -Handel im 18. und 19. Jahrhundert

Die Ausstellung beschäftigte sich mit einem Aspekt, der uns heute selbstverständlich erscheint: mit Bildern im Alltag. Im 18. und 19. Jahrhundert fanden sie sich in jedem Haushalt: Bilderbogen – großformatige Blätter, bedruckt mit bunten Bildern und kurzen Texten. Vorläufer gab es bereits im 15. Jahrhundert. In einer Zeit, in der nur wenige Menschen lesen konnten, kam Bildern als Medium der Information und Belehrung große Bedeutung zu. In jeder größeren Stadt stellten Druckereien einzelne Blätter her, die auf der Vorderseite eine große Abbildung mit einem kurzen erklärenden Text kombinierten. Diese Bilderbogen präsentierten vor allem spektakuläre und politische Ereignisse, von denen die Menschen oft schon durch Erzählungen gehört hatten und die sie nun auch mit eigenen Augen sehen wollten: Kriege und Schlachten, die Krönung eines Herrschers, ein Meteoriteneinschlag oder ein Erdbeben in einer fernen Stadt, Fehlbildungen wie ein Kalb mit mehreren Köpfen oder exotische Tiere wie ein Elefant oder ein Löwe. Daneben bestimmten religiöse Motive und Bogen für Kinder das Angebot. Technische Innovationen, vor allem die Erfindung der Lithografie, ließen die Drucke im Laufe des 19. Jahrhunderts immer preiswerter werden. Die bunten Blätter wurden zum Mitnahmeartikel für jedermann.

Einige Verlage schafften es, sich über den lokalen Markt hinaus zu positionieren und sehr hohe Produktionszahlen zu erreichen. Einer der bekanntesten deutschen Verlage war etwa die Lithographische Anstalt von Gustav Kühn in Neuruppin bei Berlin. Einige Zahlen verdeutlichen die Produktivität dieses Verlags: Gustav Kühn gab mehr als 20.000 verschiedene Bilderbogen heraus, einige davon erschienen in Auflagen von 40.000 bis 80.000 Stück, 1832 wurden 1,2 Millionen Blatt gedruckt und während des deutsch-französischen Kriegs konnte Gustav Kühn drei Millionen Bilderbogen allein zu diesem Thema verkaufen.

Kennzeichen der Bilderbogen aus Neuruppin war die große Aktualität und Zeitbezogenheit. Für viele Menschen waren die Einblattdrucke die wichtigste Informationsquelle. Und so äußerte sich Theodor Fontane 1862 in seinem Buch „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beeindruckt: „Lange bevor die erste ‚Illustrierte Zeitung’ in die Welt ging, illustrierte der Kühnsche Bilderbogen die Tagesgeschichte, und was die Hauptsache war, diese Illustration hinkte nicht langsam nach, sondern folgte den Ereignissen auf dem Fuße.“

Im 19. Jahrhundert wurden die gedruckten Blätter zum ersten grenzüberschreitenden Massenmedium in Europa: In Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland, Russland und in den Niederlanden gab es zahllose Verlage, die ihre Produkte auch in andere Länder importierten. Häufig wurden die Titel oder Texte der Bilderbogen bereits in mehreren Sprachen aufgedruckt und konnten so problemlos in verschiedenen Ländern verkauft werden. Der Verlag Friedrich Wentzel aus Weißenburg im Elsass lieferte seine Erzeugnisse nach Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Belgien, Österreich und Polen. Bilderbogen aus Neuruppin gelangten bis nach Russland, und die Frankfurter Firma May Söhne produzierte spezielle Drucke, die nach Indien verkauft wurden.

Durch Kataloge, Straßenhändler oder Zeitungsannoncen fanden die Bilder Kunden in ganz Europa. Einige Orte in Gegenden mit wenigen Verdienstmöglichkeiten spezialisierten sich auf den Vertrieb. Im 19. Jahrhundert waren etwa die „italienischen Bilderhändler“ aus dem Tessin-Tal in Südtirol in ganz Europa bekannt. Die Wanderhändler zogen mit einem Holzkasten auf dem Rücken, in dem sich preiswerte Bilderbogen, aber auch hochwertige Kupferstiche der Druckerei Remondini aus Bessano befanden, zu Fuß von Ort zu Ort und verkauften ihre Ware, wo immer sie interessierte Kunden fanden: Auf Märkten, in Wirtschaften oder direkt in den Häusern der Menschen. Die Reiserrouten führten die Händler von Italien bis nach Russland und Skandinavien.

Die einzelnen Verlage entwickelten durch ihre jeweiligen Themen, ihre Druckgrafiker und ihre Kolorierung ein ganz spezifisches Profil, so dass oft schon ein einziger Blick genügt, um einen Bogen zuordnen zu können. In dieser Sonderausstellung wurden die wichtigsten deutschen und europäischen Verlage mit ihrem jeweiligen Profil und ihren Vertriebswegen vorgestellt.

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